Heidelberger Parteitag der KPD 1919

Foto-Archiv Karl-Dietz-Verlag Berlin

„Modell für den künftigen Umgang mit innerparteilicher Diskussion“? Der Heidelberger Parteitag der KPD
von Marcel Bois und Florian Wilde, veröffentlicht im JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung

Am Ende der Weimarer Republik war die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) weit von ihren eigenen Idealen entfernt. Zu dieser Zeit handelte es sich bei der von Rosa Luxemburg gegründeten Organisation um eine vollständig entdemokratisierte, vom Apparat bürokratisch beherrschte Partei. Interne Diskussionen waren weitgehend unterbunden, politische Konflikte wurden nicht politisch, sondern organisatorisch, also durch Ausschlüsse und Repressalien „gelöst“. Kritiker belegte die Parteiführung mit Redeverboten oder entfernte sie kurzerhand aus der Partei.
Bereits in den 1960er Jahren hat Hermann Weber aufgezeigt, dass dieser Zustand erst durch eine extreme Wandlung der Partei – Weber bezeichnet sie als „Stalinisierung“ – hergestellt werden konnte:
„[Die Stalinisierung] bedeutete für die KPD den Wandel von einer Partei mit einem hohen Maß an innerer Demokratie in eine disziplinierte Organisation mit strikt zentralistischer Befehlsgewalt. Stalinisierung hieß Veränderung des inneren Aufbaus, Entstehung einer monolithischen, straff durchorganisierten, hierarchischen Partei. In ihr beherrschte die Führungsspitze mit Hilfe des Apparates […] die Mitgliedschaft; die Politik wurde im Sinne und entsprechend den Weisungen der Stalinschen KPdSU praktiziert. […] An die Stelle von Pluralismus, Selbständigkeit, Diskussion und Autonomie [traten] Unterordnung, Gläubigkeit, Disziplin und Kommandoherrschaft.“ Mit der Stalinisierung sei das Entwicklungspotential eines in der Anfangsphase der Partei noch dominanten „demokratischen Kommunismus“ Luxemburgischer Prägung verschüttet worden, der in der Auseinandersetzung mit dem „diktatorisch-bürokratischen Kommunismus“ schließlich unterlegen sei.
In jüngster Zeit ist Webers These vielfach in Frage gestellt worden. An vorderster Front der Kritiker steht Klaus-Michael Mallmann. In seiner sozialgeschichtlich ausgerichteten Arbeit über „Kommunisten in der Weimarer Republik“ vertritt er die Ansicht, dass autoritäre Strukturen und Apparatherrschaft ein dem deutschen Kommunismus von Anfang an immanentes Phänomen gewesen seien: „Es bedurfte nicht Stalins, um die KPD zu ‘stalinisieren’.“ Die These vom in der Frühzeit der KPD dominanten „demokratischen Kommunismus“ luxemburgischer Prägung sei nicht haltbar: „Dass Kommunismus nie ein demokratisches Projekt war, zieht sich wie ein roter Faden durch mein Buch.“
Nicht wenige Rezensenten folgten Mallmann in diesem Punkt. So erklärt Heinrich August Winkler, Mallmann trage „überzeugende Einwände gegen Einseitigkeiten des Deutungsmusters ‘Stalinisierung’ vor. […] Eine ‘gute’ KPD der Frühzeit einer vom Einfluss Stalins geprägten ‘schlechten’ KPD in den Jahren nach 1928 gegenüberzustellen war schon immer falsch.“ Sigrid Koch-Baumgarten nennt diesen Aspekt der Arbeit „eine überfällige Revision der klassischen These von den erstickten Entwicklungsmöglichkeiten eines alternativen demokratisch-luxemburgischen Frühkommunismus.“ Auch Andreas Wirsching – einer der größten Kritiker Mallmanns – stimmt diesem in Bezug auf die Kritik an der Weberschen Stalinisierungsthese weitgehend zu. Sie gehöre „zu den überzeugendsten des ganzen Buches“ und komme der historischen Realität „weitaus näher als Webers These vom demokratischen, ‘luxemburgischen’ Frühkommunismus.“
Als einen entscheidenden Beleg für seine Behauptung, die KPD sei nie eine demokratische Partei gewesen und die Wandlungsthese mithin hinfällig, führt Mallmann vor allem die Geschehnisse um den zweiten, Heidelberger Parteitag vom Oktober 1919 an. Im Vorfeld dieser illegal abgehaltenen Versammlung der jungen KPD kam es zu schweren Spannungen zwischen der Zentrale und dem linken Parteiflügel um Heinrich Laufenberg und Fritz Wolffheim. In Heidelberg wurden schließlich den überraschten Delegierten von der Zentrale „Leitsätze über kommunistische Grundsätze und Taktik“ zur Abstimmung vorgelegt. Sie betrafen vor allem die seit der Gründung der KPD strittigen Fragen der Haltung der Partei zum Parlamentarismus und den Gewerkschaften. Mit Hilfe der Leitsätze sollte die Partei auf die Position der Zentrale – welche damit auf dem Gründungsparteitag in der Minderheit geblieben war – festgelegt werden: Auf die Beteiligung an Wahlen (die allerdings „als nur vorbereitende Mittel dem revolutionären Kampf unterzuordnen“ seien) und die Mitarbeit in den Gewerkschaften des ADGB anstelle des Aufbaus eigenständiger (kommunistischer) Gewerkschaften. Der letzte Passus der „Leitsätze“ lautete: „Mitglieder der KPD, die diese Anschauungen […] nicht teilen, haben aus der Partei auszuscheiden.“ Im Zuge dieser Auseinandersetzung verlor die KPD Anfang 1920 nahezu die Hälfte ihrer Mitgliedschaft. Viele von ihnen gingen in die neu gegründete Kommunistische Arbeiterpartei (KAPD). Mallmann schreibt, dass nicht einmal Thälmann sich später einen Rigorismus im Durchgreifen erlaubt habe, wie die KPD-Zentrale um den sich als Testamentsvollstrecker Luxemburgs fühlenden Paul Levi, der in Heidelberg „das Modell für den künftigen Umgang mit der innerparteilichen Diskussion“ geschaffen habe.
Diese Kritik am angeblich undemokratischen Vorgehen der KPD-Zentrale auf dem Heidelberger Parteitag ist keineswegs neu. Zuerst wurde sie natürlich von der zeitgenössischen Opposition formuliert. So schrieb die KAPD-Führung 1920 in einem Brief an die Delegierten des II. Weltkongress der Komintern, sie seien aus der KPD „entfernt worden, weil wir es wagten gegen den Reformismus der Zentrale in Opposition zu treten.“ Aber selbst aus den eigenen Reihen wurde Levi kritisiert. Die Kominternführung erklärte: „Wir geben auch zu, dass die Zentrale des Spartakusbundes im Organisationskampf mit den Elementen der Opposition nicht immer genügend Ruhe und Umsicht an den Tag gelegt und dadurch einen Teil der Arbeiter in die Arme der anarcho-syndikalistischen Schreihälse getrieben hat.“ Wesentlich drastischer fiel das Urteil des Zentrale-Mitglieds Fritz Heckert zwei Jahre nach dem Heidelberger Parteitag aus: „Die Art und Weise aber, wie durch Levi in organisatorischer Hinsicht gegen diejenigen Genossen der Feldzug eröffnet wurde, die zwar sachlich einverstanden waren mit den beschlossenen Leitsätzen, aber Bedenken hatten wegen ihrer Anwendung zur Bestrafung vergangener Sünden, war eine Operation, die dem Kranken Arme und Beine und auch einen Teil der Eingeweide herausriss. Die Arbeiter in der Partei hatten kolossale Opfer erbracht, sie wollten Einigkeit ihrer Organisation erhalten. Sie konnten nicht verstehen, dass mit ihnen solche plötzlichen Experimente gemacht wurden, solche Dr.-Eisenbart-Kuren. Man ließ den Mitgliedern keine Zeit, die Beschlüsse von Heidelberg durchzudenken, und da die Parteiorgane in fast allen bedeutenden Orten verboten waren, wurde die Auseinandersetzung erschwert. Es ist Paul Levis Schuld, durch die brutale Art seines Vorgehens breite kommunistische Schichten in das Lager der KAP getrieben zu haben.“
In der Forschung wird die Kritik erstmals 1948 von Ossip K. Flechtheim aufgegriffen, wenn er das Vorgehen der Zentrale als „zentralistisch-bürokratisch-diktatorisch“ bezeichnet. Es sei „ein böses Beispiel, dass in der Folge von der deutschen Parteibürokratie als auch von Moskau nur allzu gern nachgeahmt wurde.“ Auch Hans Manfred Bock konstatiert, Levis taktischen Verfahrensweisen „entsprachen sicherlich nicht dem demokratischen Prinzip der Willensbildung“ , und Duncan Hallas meint, die Durchsetzung des neuen Kurses geschah „ohne große Rücksichtnahme auf demokratische Regeln.“ Sich auf Flechtheim beziehend kommt selbst Weber zu einem ähnlichen Urteil.
Selbstverständlich widersprach die kommunistische Parteiführung um Paul Levi den von der Opposition hervorgebrachten Vorwürfen. Aber nur wenige Historiker wie Werner Angress folgen ihr: „Auf dem Heidelberger Parteitag von 1919 führte Levi keine Säuberung durch, sondern manövrierte die linken Extremisten in eine so unhaltbare Position, dass sie aus eigenem Entschluss die Partei verließen.“
Da der Heidelberger Parteitag offensichtlich ein zentrales Argument jener ist, die das Vorhandensein innerparteilicher Demokratie in der frühen KPD in Frage stellen und selbst jenen, die von einer demokratischen Anfangsphase ausgehen, oft zumindest als „böses Beispiel“ gilt, sollen im Folgenden die Geschehnisse um den Parteitag näher beleuchtet und untersuchen werden, ob sie tatsächlich als ein Beleg für eine Infragestellung der Wandlungsthese taugen. Dies soll größtenteils anhand einer Analyse der von der kommunistischen Bewegung überlieferten Dokumente geschehen.
Seit ihrer Gründung Anfang 1919 schwelte in der jungen KPD ein Konflikt zwischen den Mitgliedern der Zentrale und einer sehr heterogenen linkskommunistischen Opposition, die prinzipiell antiparlamentarische und antigewerkschaftliche – wie die Zentrale ihr vorwarf: syndikalistische – Positionen vertrat. Auf verschiedenen Parteikonferenzen im Sommer 1919 war vergeblich versucht worden, eine Klärung der strittigen Fragen zu erreichen. Eine Integration der verschiedenen Strömungen in einer gemeinsamen Partei war unmöglich geworden, hatten sie doch bereits angefangen, konträre Praxen auszubilden. In verschiedenen linkskommunistisch dominierten Bezirken etwa wurde der Aufbau von „Arbeiterunionen“ als alternativen Gewerkschaften aktiv vorangetrieben, während in anderen Bezirken KPD-Mitglieder in den ADGB-Gewerkschaften arbeiteten. Levi schrieb hierzu: „Die Frage des Verbleibens in den Gewerkschaften war aber eine […] Frage von Leben und Tod für die Kommunistische Partei. Aus den Gewerkschaften herauszugehen […], das wäre gewesen, den Kommunismus von der Erde auf den Mond zu verlegen.“
Eine bevorstehende Spaltung der Partei zeichnete sich bereits seit der 3. Reichskonferenz der Partei im August 1919 ab und wurde vom linkskommunistischen Flügel ebenso wie von seinen Gegnern in der Zentrale forciert. Mit den Leitsätzen, welche die Zentrale den Delegierten des Heidelberger Parteitages zur Abstimmung vorlegte, verfolgte sie eindeutig die Ziele, einerseits die Partei politisch umzuorientieren – auf die Beteiligung an Wahlen und die Mitarbeit in den Gewerkschaften – und anderseits die Abspaltung des prinzipiell antiparlamentarischen und antigewerkschaftlichen linkskommunistischen Flügels voranzutreiben. Sie schrieb später, dass der Parteitag darüber zu entscheiden hatte, „ob unsere Partei überhaupt eine Partei, ob sie eine kommunistische insbesondere bleiben wollte oder ob sie sich auflösen sollte in ein Sammelsurium syndikalistischer Ortsgruppen, die planlos, ohne Einheit, ohne Geschlossenheit, jede um ihren Kirchturm herum die ‘ökonomische Revolution’ machen.“
Gleich zu Beginn des Heidelberger Parteitages kam es zu einer Abstimmung, aus der sich der in der Literatur so oft erhobene Vorwurf des undemokratischen Vorgehens der Levi-Zentrale speist. Hier wurde den Mitgliedern der Zentrale das Stimmrecht zugesprochen „und damit erst die Vorraussetzung für den Sieg des Levi-Kurses geschafften“, wie etwa Bock meint. Ähnlich formuliert es Flechtheim: „Eine Mehrheit für ihre Thesen bekam die Zentrale nur dadurch, dass […] den Zentrale-Mitgliedern das Stimmrecht zuerkannt wurde.“ Das dieser Vorwurf an diesem Punkt immer wieder erhoben wird, ist überaus verwunderlich. Er ist mit einfacher Mathematik zu widerlegen. Die „Leitsätze“ wurden mit 31:18 Stimmen angenommen. Laut Parteitagsprotokoll wurde sechs anwesenden Zentrale-Mitgliedern das Stimmrecht gewährt. Es hätte also auch ohne Stimmrecht der Zentrale-Mitglieder eine Mehrheit von sieben Stimmen für deren Positionen gegeben.
Ein weiteres Beispiel mag veranschaulichen, dass der Vorwurf, die Zentrale habe ihre Positionen vor allem mit Hilfe von formaldemokratischen Verfahrenstricks durchgesetzt, so nicht trifft: Die Frankfurter Parteikonferenz im Sommer hatte beschlossen, dass nur die Bezirke, die ihre Mitgliedsbeiträge abgerechnet hatten, Delegierte zum Parteitag entsenden durften. Der in Opposition zur Zentrale stehende Berliner Bezirk hatte nicht abgerechnet und wäre daher nicht stimmberechtigt gewesen. Trotzdem beschloss der Parteitag auf Antrag der Mandatsprüfungskommission, den vier Berliner Delegierten das Stimmrecht zuzuerkennen, eben weil „zwischen Berlin und der Zentrale sachliche Differenzen bestehen“, ohne dass die Zentrale dagegen Einwände erhob.
Eine weitere Maßnahme, die den Unmut vieler Parteitagsdelegierter weckte, war die „Überrumpellung“ durch die ihnen vorher nicht bekannt gewordenen Leitsätze. Laut der linkskommunistischen „KAZ“ waren die Leitsätze erst wenige Tage vor dem Parteitag in zwei Provinzblättern (dem Erfurter „Kommunist“ und der Hanauer „Freiheit“) veröffentlicht worden. Auch hieraus speist sich der Vorwurf, Levis taktisches Vorgehen sei undemokratisch gewesen. Die Zentrale versuchte die späte Bekanntgabe der Leitsätze mit den Schwierigkeiten in der Illegalität zu entschuldigen. Tatsächlich war die KPD zu dieser Zeit illegal und das Zentralorgan der Partei, die „Rote Fahne“, verboten. Zudem entgegnete die Parteiführung aber ihren Kritikern mit dem Argument, seit mindestens acht Wochen seien „die sachlichen Grundlagen der Leitsätze überall diskutiert worden.“
Ein Blick in die Quellen schafft hier etwas Klarheit. Soweit für den Sommer 1919 Sitzungsprotokolle aus den einzelnen Bezirken überliefert sind, unterstützen sie die Aussage der Zentrale. Zumindest für die Bezirke Niedersachsen, Niederrhein, Halle-Merseburg, sowie Rheinland-Westfalen Süd und Nord lässt sich definitiv festhalten, dass die strittigen Punkte des Leitantrags – die Gewerkschaftsfrage und die Stellung zur Wahlbeteiligung – zwischen Mai und September von Parteikonferenzen diskutiert worden sind. Zudem geben die Quellen der Zentrale in einem weiteren Punkt Recht. Diese argumentierte später, die Klärung der offenen Fragen sei unaufschiebbar geworden und habe nur durch einen Parteitag vollzogen werden können. Sie habe quasi in Notwehr gehandelt, da die Hamburger Delegierten ihrerseits die Zentrale haben ausschließen wollen. Tatsächlich stellte der Bezirk Nord folgenden Antrag: „In der gegenwärtigen Revolutionsperiode dürfen Mitglieder der KPD weder bürgerlichen Parlamenten – sei es in Reich, Staat oder Gemeinde – noch Arbeiterräten, die von einer bürgerlich-kapitalistischen Regierung anerkannt sind, angehören noch sich an den Wahlen hierzu beteiligen. Kommunisten, die in diesen gegenrevolutionären Institutionen wirken, haben sofort ihr Mandat niederzulegen, andernfalls sind sie auszuschließen.“ Unterstützung kam zudem aus dem Bezirk Ost- und Westpreußen: „Genossen, die bürgerlichen Parlamenten angehören, haben dort auszuscheiden, sofern dies nicht geschieht, stellen sich diese Genossen außerhalb der Partei.“ Auch Koch-Baumgarten meint, das Argument der Zentrale, sie habe in Notwehr gehandelt, sei nicht ganz von der Hand zu weisen. Insofern sollte man sich in diesem Punkt zumindest von einer einseitigen Schuldzuweisung für die Eskalation gegenüber der Parteiführung verabschieden.
Die bei der Abstimmung über die „Leitsätze“ unterlegenen Linkskommunisten mussten schließlich den Parteitag verlassen. Nichts desto trotz bemühte sich die Zentrale, die Beschlüsse des Parteitages in den folgenden Monaten nicht einfach administrativ umzusetzen, sondern die Mitgliedschaft von ihren Positionen zu überzeugen. So schrieb sie in einem Rundbrief Anfang November 1919, es sei erforderlich, „in allen Organisationen die Leitsätze zum Gegenstand eingehender und gründlicher Diskussionen“ zu machen. Der Parteitag sei nicht als Schlusspunkt, sondern als Ausgangspunkt der notwendigen Klärung zu sehen. Diese Klärung habe sich zu vollziehen und zu vollenden „nicht über die Köpfe der Mitglieder hinweg, sondern durch sie selbst.“ In einem Rundschreiben der Zentrale an den Bezirk Schlesien, welches die Parteitagsbeschlüsse enthielt, hieß es: „Es ist unbedingt notwendig, dass dieses Rundschreiben mit aller Gründlichkeit in den Mitgliederversammlungen diskutiert wird.“ Tatsächlich kam die innerparteiliche Diskussion mit Heidelberg keineswegs zum Abschluss, sondern setzte sich in den folgenden Monaten in der ganzen Partei fort. In der Roten Fahne, die seit Dezember wieder erscheinen durfte, wurde permanent über Parteikonferenzen berichtet, bei denen die Debatte fortgeführt wurde. So stellte sich beispielsweise die Bezirkskonferenz Nordbayern „auf den Boden der Leitsätze […]. Die Genossen […] bedauern die Spaltung und hoffen, dass die augenblicklich in Opposition stehenden Bezirke sich bald von der Richtigkeit dieser Leitsätze überzeugen und durch Wiederanschluss die Schlagkraft der Partei erhöhen.“
Auch kritischere Berichte wurden mit Selbstverständlichkeit in dem Zentralorgan abgedruckt: „Vor kurzem fand eine Konferenz des Bezirkes Sachsen-Anhalt statt, die sich mit den Beschlüssen der letzten Reichskonferenz der KPD beschäftigte. Nach lebhafter Debatte wurde in namentlicher Abstimmung mit 19 gegen 13 Stimmen eine Resolution angenommen, die den Wunsch ausdrückt, die Einigkeit der KPD zu erhalten. Die Resolution stellt fest, dass bei den krassen Gegensätzen zwischen den zentralistischen und syndkalistischen Auffassungen eine Vereinigung dieser Richtungen innerhalb einer Partei unmöglich sei. Deshalb wird gewünscht, dass diejenigen Genossen, welche sich zum Syndikalismus bekennen, daraus die Konsequenzen ziehen. Gleichzeitig verurteilt die Konferenz das Vorgehen der Zentrale auf der Reichskonferenz.“ Der Bericht über einen Vortrag Clara Zetkins in Berlin-Wilmersdorf zeugt ebenfalls von der fortgesetzten innerparteilichen Diskussion. In diesem Fall stellten die Kritiker die Mehrheit: „Der Auffassung der Referentin, dass zu diesen Kampfeswaffen des Proletariats auch – unter bestimmten politischen Umständen – die Beteiligung am Parlament gehöre, begegnete bei der im Saale stark vertretenen Berliner antiparlamentarisch-syndikalistischen Opposition lebhaften Widerspruch. Es kamen verschiedene Redner zum Wort, die den Parlamentarismus grundsätzlich ablehnten […].“
Auch ein Bericht an die Komintern zeigt die Bemühungen der Parteiführung, die innerparteiliche Debatte fortzuführen: „Unter diesen Umständen musste die Auseinandersetzung mit der Opposition durchgeführt werden. Sie erfolgte im Oktober 1919 anhand der ‘Heidelberger Leitsätze’ und erfolgte organisatorisch in der Form, dass die Delegierten, die auf dem Heidelberger Parteitage gegen die Leitsätze stimmten, an der weiteren Parteitagsarbeit nicht mehr teilnehmen konnten, sondern erst ihre Bezirke befragen mussten. Über Ausschluss aus der Partei sollte erst nach weiterer und eingehender Diskussion innerhalb der Parteiorganisationen entschieden werden und erst dann, wenn die Organisation in voller Kenntnis der Tragweite ihrer Beschlüsse für oder gegen die Leitsätze entschieden hatte.“
Zudem bemühte sich die Levi-Zentrale, auch jenen 18 Delegierten, die sich durch ihr Abstimmungsverhalten in Heidelberg selbst ausgeschlossen hatten, Brücken zum Wiedereintritt zu bauen, indem sie nachdrücklich zwischen inhaltlichen und formellen Gründen der Ablehnung der Leitsätze unterschied. Entscheidend für deren Teilnahme am kommenden Parteitag sei nicht, ob sie in Heidelberg gegen die Annahme der Leitsätze gestimmt hätten, solange die Ablehnung formelle Gründe gehabt habe. Nicht vom Abstimmungsverhalten, sondern von „der inhaltlichen Stellung dieser Organisationen“ hänge die Zulassung zum nächsten Parteitag ab. Mitgliedern, die aufgrund des Vorgehens der Zentrale in Opposition zu ihr standen, sollte offensichtlich der Weg zurück in die Partei offengehalten werden. Des Weiteren bemühte sich sogar um Diskussionen mit den oppositionellen Bezirken, um diese für ihre Ausfassungen zu gewinnen.
Gleichzeitig wurden die Leitsätze auf der Sitzung des Zentralausschusses (ZA) am 4./5. Januar 1920 noch einmal bestätigt und festgestellt, dass nur Bezirke, die auf ihrem Boden stehen, dass Recht hätten, Delegierte zum nächsten Parteitag zu entsenden. In einem Artikel „Zur Spaltung“ von Paul Levi hieß es darüber: „Nach fünf Monaten freier Diskussion und Klärung in den Organisationen kann niemand mehr das Argument der ‘Überrumpelung’ gebrauchen, ohne der Lächerlichkeit zu verfallen. Zu allem Überfluss ist in den Hauptzentren der früheren Opposition zugegeben worden, dass formale Gründe keine Rolle mehr spielen, sondern die Entscheidung auf rein sachlichem Boden gefallen sei.“
In einer Sitzung einen Monat später erklärte der ZA die Leitsätze als „bindenden Beschluss der Partei“, nachdem er festgestellt hatte, dass die gesamte Partei ausreichend Gelegenheit zur Stellungnahme gehabt habe. Zum Abschluss gebracht wurde die parteiinterne Auseinandersetzung auf dem Dritten Parteitag der KPD, der am 25./26. Februar 1920 in Karlsruhe tagte. In einem dort beschlossenen „Aufruf an die Partei“ hieß es: „Diese taktischen Probleme sind monatelang vor dem Heidelberger Parteitag diskutiert worden. Sie sind seitdem anhand der Lösung, die der Heidelberger Parteitag ihnen gegeben hat, für monatelang in allen Parteiorganisationen durchgesprochen worden. Die Partei hat, um alle nur formellen Einwände abzuschneiden, organisatorisch freiesten Spielraum gelassen und den Organisationen die Möglichkeit gelassen, rein sachlich zu den Leitsätzen Stellung zu nehmen. Alle Organisationen, ohne Ausnahme, haben von dieser Gelegenheit ausgiebig gebrauch gemacht und ihre Stellung zu den Leitsätzen […] präzisiert. Es sind daher nun alle Voraussetzungen über und über erfüllt, um diese Differenzen organisatorisch zum Abschluss zu bringen.“ Davon ausgehend beschloss der Parteitag den Ausschluss der weiterhin oppositionellen Bezirke Nord, Nordwest, Niedersachsen, Groß-Berlin und Dresden. Vor allem wegen dieses massiven Aderlasses an Mitgliedern war die Art des Vorgehens Levis von der Kominternführung und namentlich von Lenin scharf kritisiert worden.
Es lässt sich festhalten, dass die Kritik einen wahren Kern enthält. Das Vorgehen der Levi-Zentrale war auf dem Heidelberger Parteitag unter dem Gesichtspunkt der parteiinternen Demokratie durchaus problematisch. Die als brachial wahrgenommene Durchsetzung von Leitsätzen, deren Positionen von einem großen Teil der Mitglieder nicht geteilt wurden und deren Konsequenz – die Spaltung – wohl von der Mehrheit der Mitglieder abgelehnt wurde, schuf ein „böses Beispiel“ für den Umgang mit innerparteilichen Gegnern. Nichts desto trotz hat das bisher Dargestellte gezeigt, dass die Zentrale bemüht war, die innerparteiliche Debatte um die kritischen Fragen so lange wie möglich zu führen. Des Weiteren darf nicht vergessen werden, dass der Ausschluss eines – zugegebenermaßen: großen – Teils der Mitgliedschaft auf eine klaren politischen Grundlage stattfand. Die beiden Flügel in der Partei vertraten in wesentlichen taktischen Fragen unterschiedliche Positionen und entwickelten zudem nicht mit einander vereinbare Praktiken. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis es zur Spaltung kommen musste.
Außerdem sollte nicht übersehen werden, dass es Levi um die Durchsetzung des radikaldemokratischen Gedankens des Spartakus-Programms ging: „Der Spartakusbund wird nie anders die Regierungsgewalt übernehmen als durch den klaren, unzweideutigen Willen der proletarischen Masse in ganz Deutschland, nie anders als kraft ihrer bewussten Zustimmung zu den Ansichten, Zielen und Kampfmethoden des Spartakusbundes.“ Dies erforderte eine klare Trennung von den putschistischen und ultralinken Strömungen der Partei. Die Trennung war zudem die „notwendige Bedingung für den Zusammenschluss mit dem linken Flügel der USPD“ – durch den die KPD Ende 1920 zu einer Massenpartei wurde. Letztendlich machte Levi also mit dem Ausschluss der Ultralinken „den Weg frei für sein wichtigstes Ziel: die Verwandlung der KPD in eine wirkliche Arbeiterpartei.“
Insofern gibt es – anders als Mallmann uns glauben machen will – einen entscheidenden Unterschied zwischen Levi und Thälmann und damit zwischen der Partei 1919 und 1929: Das Vorgehen der Zentrale 1919 führte keineswegs zu einem Absterben der innerparteilichen Mitbestimmung. So waren in den Jahren 1921/22 unter der von Ernst Meyer geführten Zentrale Demokratie und Diskussionsfreiheit weiterhin stark ausgeprägt. Auch 1923 herrschte noch „völlig freie Aussprache. Kritik an sämtlichen Entscheidungen der Parteizentrale war gestattet.“ Theodor Bergmann meint sogar, dass die KPD bis zu diesem Zeitpunkt keineswegs weniger demokratisch gewesen sei als die SPD. Die kommunistische Presse blieb bis Mitte/Ende der 20er Jahre offen für verschiedenste, oft genug auch konträre Positionen. Auch die Parteitage der kommenden Jahre waren gekennzeichnet von freien Diskussionen und heftigen Auseinandersetzungen. Oppositionelle hatten selbstverständlich die Möglichkeit, ihre Positionen in Korreferaten darzulegen. Ebenso selbstverständlich konnte die Zentrale mit ihren Positionen auf Parteitagen unterliegen. Dies geschah sowohl in Heidelberg, als gegen den Willen Levis eine leichte Entschärfung des Schlusssatzes der Leitsätze mehrheitlich angenommen wurde , als auch noch fünf Jahre später: Anfang 1924 wurde die Zentrale der KPD um Heinrich Brandler von den Delegierten eines erneut von heftigsten Diskussionen geprägten Parteitages in freier Entscheidung gestürzt. Die Mitglieder konnten sich also sehr wohl noch gegen die Führung (und die eine andere Führungskonstellation befürwortende Komintern-Spitze) durchsetzen – ein nach den Thälmannschen Säuberungen wohl ganz undenkbarer Vorgang.
Auch der Levi-Biographin Charlotte Beradt muss widersprochen werden. Sie argumentiert, die Heidelberger Spaltung sei „zwar methodisch, nicht aber inhaltlich zu vergleichen“ mit den Spaltungen späterer Jahre, bei denen es anders als in Heidelberg um die Durchsetzung der Apparatherrschaft in der Partei ging. Nach Sichtung der Quellen lässt sich vielmehr festhalten, dass die Ereignisse gerade nach dem Parteitag auch methodisch nicht mit der späten KPD vergleichbar waren. Versuche, oppositionelle Kommunisten politisch zu überzeugen und bereits Ausgeschlossene wieder für die Partei zu gewinnen, hat es in der KPD der späten Weimarer Republik nicht gegeben. Zudem ist es mehr als fragwürdig, ob sich in der gerade wenige Monate alten und sich seit Monaten in der Illegalität befindenden Partei überhaupt schon ein „Apparat“ hat herausbilden können. Der Schritt, aus den Geschehnissen um den Heidelberger Parteitag ein frühzeitiges Ende der parteiinternen Demokratie abzuleiten, wie es Mallmann und andere tun, bleibt auf jedem Fall nicht nachvollziehbar.

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