Zur Geschichte des amerikanischen SDS

(neues deutschland) Aktion statt Strategiediskussion. 

Mit »Rebels with a cause« über den US-amerikanischen SDS liegt nunmehr bereits der fünfte Band der jüngst von Karl-Heinz Dellwo, Willi Baer und Carmen Bitsch gegründeten »Bibliothek des Widerstands« vor. Wie alle der in dieser auf rund 100 Bände angelegten Reihe bisher erschienenen Bücher ist auch dieses ansprechend und aufwendig gestaltet sowie reich illlustriert. Die »Bibliothek des Widerstands« ist ein multimediales Projekt: Allen Büchern liegt eine DVD mit thematisch passender filmischer Zugabe bei. Geboten wird eine umfassende Dokumentation linker Bewegungen seit 1967 in Ton, Bild und Schrift.

Florian Butollo zeichnet die Entwicklung der Students for a Democratic Society (SDS) von einer kleinen Gruppe mit 200 Mitgliedern (1960) zur »größten und einflussreichsten studentischen Bewegungsorganisation aller Zeiten« mit bis zu 100 000 Mitgliedern in den späten 60ern nach. Im Fokus der Betrachtung steht die Frage nach der gegenseitigen Beeinflussung der Organisation und der Protestbewegungen der 60er Jahre sowie das sich wandelnde Selbstverständnis und die sich verändernden Strategien des SDS. In seinen Anfängen war dieser eine radikaldemokratisch ausgerichtete Gruppe. Den verknöcherten Strukturen der US-amerikanischen Gesellschaft stellten die Studenten ihre Forderung nach einer partizipativen Demokratie entgegen. Ihr Anspruch war, als »multi-issue-organization« verschiedene Protestbewegungen zusammenzuführen.

Ein wesentliches Mittel, um ihre Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen und politischen Druck zu erzeugen, waren Aktionen des zivilen Ungehorsams, gleich jenen von der Bürgerrechtlern der Schwarzen erfolgreich angewandten. Die SDSler engagierten sich in den Bewegungen gegen Rassismus, Armut und den Krieg der USA in Vietnam. Sie waren es, die im April 1965 in Washington die erste Demonstration gegen den »schmutzigen Krieg« in Indochina organisierten. Mit 20 000 Teilnehmern übertraf der Erfolg alle Erwartungen und verschaffte dem SDS nationale Bekanntheit. Bald radikalisierte sich eine ganze Generation über den Protest gegen den Krieg. An nahezu jeder Hochschule fanden Veranstaltungen, sit-ins und Demonstrationen statt. Die häufig repressiven Reaktionen von Hochschulleitungen und Polizei entfremdeten immer mehr junge Menschen von den Institutionen der Gesellschaft und führten zu heftiger werdenden Auseinandersetzungen. Tausende schlossen sich nun dem SDS an und veränderten die Organisation kulturell und politisch.

»Kiffen statt Askese; Aktion statt Strategiediskussion; Rock’n’Roll statt klassischer politischer Theorie …« Die Subkultur der Sixties hielt Einzug in die Organisation. Politische Einstellungen wurden immer mehr eins mit persönlicher Rebellion und Lebensstil, schreibt Butollo. Die neuen SDSler brachten einen anti-hierarchischen Impuls ein und stellten damit auch den Sinn einer koordiniert agierenden Organisation in Frage. Die Bewegung wuchs aus sich und über sich selbst heraus.

1967 demonstrierten bereits eine halbe Million Menschen gegen den Krieg, Hunderttausende rebellierten an den Universitäten und Schulen, in den Schwarzen-Ghettos, aber auch in bürgerlichen Vierteln gegen »das System«. Dieses antwortete mit brutalen Polizeieinsätzen, die viele Tote forderten, sowie mit der Entsendung weiterer Soldaten nach Vietnam. Diese Erfahrungen ließen für viele SDSler bald wieder systematische Organisation und Koordination von Aktionen sowie politische Strategien für gesellschaftliche Veränderungen wichtig erscheinen. Die globale Revolte von 1968 führte zu einem weiteren Wachstum und einer zunehmenden Radikalisierung der Organisation, deren Anhänger sich immer mehr als Revolutionäre begriffen. Die auf Selbstemanzipation der Arbeiterklasse abzielende Theorie des klassischen Marxismus spielte aufgrund der Passivität der Arbeiter in der amerikanischen Wohlstandsgesellschaft und dem Fehlen eigener marxistischer Traditionen kaum eine Rolle. Orientiert wurde auf eine Allianz der radikalen Jugend, der Schwarzen und der antiimperialistischen Befreiungsbewegungen. Personenkult, Sektierertum und Dogmatismus sowie die Entkopplung der Strategie von eigener Erfahrung, so Butollo, führte schließlich zur Spaltung des SDS in verschiedene Gruppierungen, von denen viele ein extremes Avantgarde-Verständnis propagierten und einige den Weg des bewaffneten Kampfes gingen.

Butollo ist eine spannende Darstellung der Geschichte des SDS gelungen. Er befasst sich vor allem mit der Frage nach dem Subjekt gesellschaftlicher Veränderung, der Rolle politischer Theorien und dem Verhältnis zwischen Organisation und Bewegung – Fragen, vor denen auch heutige Linke stehen. Die Aktualität des Themas wird auch durch den Fakt unterstrichen, dass in den letzten Jahren mit einem neuen SDS in den USA und DIE LINKE.SDS in Deutschland wieder relevante Studierendenorganisationen entstanden sind, die sich bereits in ihrer Namensgebung an die Tradition der 60er Jahre anknüpfen.

Florian Butollo: Rebels with a cause. Die Geschichte des amerikanischen SDS. DVD mit gleichnamigem Film von Helen Garvy (106 Min.). Laika-Verlag, Hamburg 2010. 120 S., geb., 19,90 €.
Zum Original Beitrag

Aktion statt Strategiediskussion. Die »Bibliothek des Widerstandes« erinnert an die US-amerikanische Studentenrebellion Von Florian Wilde. In: Neues Deutschland

1 Kommentar zu "Zur Geschichte des amerikanischen SDS"

  1. interessanter Artikel zum Thema: von Max Elbaum der auch mit

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