„Durch Aktivierung der Mitglieder Macht entfalten“

Etwa 110 Gewerkschaftsaktive und WissenschaftlerInnen waren zur Tagung „Gewerkschaft.Macht.Demokratie. Neue Strategien auf dem Prüfstand“ am 6./7. Dezember in der ver.di-Bundesverwaltung erschienen, um neue Gewerkschaftsstrategien zu bilanzieren und über den dafür notwendigen Organisationswandel zu diskutieren. Anlass war der Sammelband „Comeback der Gewerkschaften?“ des Arbeitskreises Strategic Unionism, in dem vorwiegend jüngere GewerkschaftsforscherInnen Strategien gewerkschaftlicher Erneuerung sowie neue innovative Organisierungsansätze und Streiks analysiert hatten. Der AK Strategic Unionism hatte sich 2006 am Lehrstuhl von Klaus Dörre in Jena gebildet, um ausgehend von der Defensivsituation der Gewerkschaften die Frage nach strategischen Alternativen der Gewerkschaften zu bearbeiten. Viele ReferentInnen der Tagung waren Mitglieder des AKs und Autoren des Bandes.

Die Tagung wurde neben dem AK Strategic Unionism vom Gesprächskreis Gewerkschaften der Rosa-Luxemburg-Stiftung und vom Bereich Politik und Planung der ver.di-Bundesverwaltung veranstaltet.

Im Namen des ver.di-Bereiches Politik und Planung eröffnete Wolfgang Uellenberg-van Dawen die Tagung. Er hob hervor, dass sich die Gewerkschaften mittlerweile durchaus wieder im Aufwind befinden, was sich auch an den nach langen Jahren des Rückgangs wieder zunehmenden Mitgliedszahlen v.a. bei der IG Metall, aber auch bei ver.di ausdrücke. Nun komme es darauf an, „durch unsere gewerkschaftliche Arbeit und die Aktivierung der Mitglieder verstärkt Macht zu entfalten“.

Widersprüchliche Re-Vitalisierung der Gewerkschaften

Auf dem Auftaktpodium schilderte Klaus Dörre, wie sich an seinem Lehrstuhl ab 2006 die Auseinandersetzung mit Gewerkschaften entwickelte. Ausgehend von der Auseinandersetzung mit der innovativen US-amerikanischen Gewerkschaftsforschung habe die Jenaer Forschergruppe sich der Frage von „strategic choices“ zugewandt: Auch unter sich wandelnden und schwieriger werdenden Bedingungen hätten die Gewerkschaften immer verschiedene strategische Handlungsoptionen. Auf Grundlage dieser Annahme in Verbindung mit dem „Machtressourcenansatz“, der die unterschiedlichen Machtressourcen von Gewerkschaften – strukturelle Macht, Organisationsmacht, institutionelle Macht und kommunikative oder diskursive Macht – in den Blick nimmt, wird in Jena Gewerkschaftsforschung betrieben.

Dörre hob hervor, dass etwa durchaus eine Zunahme der Organisationsmacht der Gewerkschaften zu verzeichnen sei, die sich in Mitgliedergewinnen ausdrücke. Er wies aber auch darauf hin, dass sich diese Zunahme weiterhin auf relativ niedrigem Niveau bewege: Der gewerkschaftliche Organisierungsgrad liege insgesamt immer noch unter 16%, die Krise der Repräsentanz sei nicht überwunden.

Ambivalent sei auch die institutionelle Macht der Gewerkschaften zu bewerten: diese sei zwar seit der Euro-Krise gestärkt worden, Gewerkschaften seien im Krisenkoorparatismus wieder zu gefragten Partnern der Politik geworden. Jedoch erschwere die Einbindung der Gewerkschaften in die Krisenbearbeitung der Regierung die Entwicklung einer eigentlich dringend notwendigen europäischen Klassensolidarität.

Dies fände auch in der Selbstbegrenzung der kommunikativen Macht der Gewerkschaften seinen Niederschlag: froh darüber, in den Medien nicht mehr als Dinosaurier, sondern nun als „pragmatische Macher“ zu gelten, würden sie gleichzeitig auf einen kapitalismuskritischen Transformationsdiskurs verzichten. „Eigentlich würde man in der Krise erwarten, dass die Gewerkschaften hier verstärkt Profil entwickeln. Bisher unterbleibt dies aber weitgehend, auch wenn die Kapitalismuskritik in den Belegschaften durchaus zunimmt.“ Befragungen der Universität Jena zeigten, dass immerhin 20 Prozent der Beschäftigten als kapitalismuskritisch bezeichnet werden müssen. Diese meist besonders aktiven Menschen müsse die Gewerkschaft ansprechen.

Um neue Methoden, Beschäftigte verstärkt anzusprechen und zu aktivieren, ging es auch in dem Vortrag von Stefan Schmalz und Luigi Wolf von der Universität Jena. Ausgehend von Experteninterviews und Gruppendiskussionen hatten die beiden Autoren des Sammelbandes „Comeback der Gewerkschaften?“ Elemente herausgearbeitet, die in beteiligungsorientierten Erneuerungsprozessen eine wichtige Rolle spielen: Transparenz, qualitative Themen, Erkennen von Gelegenheiten, Verstetigung von Beteiligung und die Umfunktionierung von Institutionen.

Sie betonten das Spannungsverhältnis zwischen den klassischen Institutionen der dualen Interessensvertretung und den Akteuren beteiligungsorientierter Strategien. Die Betriebs- und Personalräten zugewiesene Funktion impliziere ein repräsentatives Demokratieverständnis. Dieses habe in vielen Organizingprojekten zu Konflikten zwischen Aktivengruppen und bestehenden Betriebsräten geführt. Allerdings konnten die Forscher einige Beispiele ausmachen, in denen Beteiligungsprozesse zu einer Umfunktionierung der Institution des Betriebsrates führten oder umgekehrt eine vorangegangene Umfunktionierung Beteiligung ermöglichte. Notwendig dafür sei aber eine offene Diskussion auch über die Rolle von Betriebsräten, um mit Konflikten produktiv umzugehen und Betriebsratsstrategien zu entwickeln, die Aktivierung und Beteiligung ins Zentrum stellen.

Daran anschließend schilderte Hans-Joachim Schulz vom Bereich Innovation und Gute Arbeit der ver.di Bundesverwaltung, dass aktuelle Versuche der Einbindung von Beschäftigten mittels Befragungen den starken Wunsch nach mehr Beteiligung, aber auch die Bereitschaft zu mehr Engagement, verdeutlichten. Bei der ver.di-Initiative „Gute Arbeit“ hätten bisher 150.000 Beschäftigte mitgemacht.

Jörg Wiedemuth vom Bereich Tarifpolitik der ver.di Bundesverwaltung berichtete über Bemühungen, Beteiligung in Tarifauseinandersetzungen zu stärken. Dabei hob er die Möglichkeiten des Konzepts der bedingungsgebundenen Tarifarbeit hervor. Beschäftigte werden hier an der Erarbeitung von Bedingungen (wie z.B. der Mitgliederanzahl) von Tarifverhandlungen beteiligt, was auch impliziere, dass es keinen Abschluss gebe, wenn die Bedingungen nicht erreicht werden. Die eigene Organisationsmacht und Durchsetzungsfähigkeit wird damit gegenüber den Mitgliedern transparent gemacht. Diese Methode bedeute eine „deutliche Abkehr von einem plan- und ziellosen Abschließen von Tarifverträgen.“

Fanny Zeise, Referentin für Gewerkschaften in der Rosa-Luxemburg-Stiftung, betonte die Notwendigkeit von Transparenz, um möglichst viele Gewerkschaftsmitglieder an der Strategieentwicklung zu beteiligen. Gerade die Auseinandersetzungen im Einzelhandel hätten gezeigt, wie unterschiedlich die gewerkschaftliche Stärke in den verschiedenen Bundesländern sei. Hier hätte eine bundesweite Streikdelegiertenversammlung realistische Einschätzungen der bundesweiten Kräfteverhältnisse bewirken und damit Gewerkschaftsaktive ermächtigen können, an der Strategieentwicklung mitzuwirken. Verstärkte Einbindung der Aktiven könne damit auch vor unrealistischen Erwartungen an die Gewerkschaft schützen.

In der Diskussion wurde Transparenz gerade in Bezug auf verlorene Streiks oder schlechte Tarifergebnisse gefordert. Notwendig sei eine Kultur, so Kalle Kunkel, ver.di Sekretär im Fachbereich 03 Berlin-Brandenburg, die es ermögliche, Fehler in der Gewerkschaftsarbeit zuzugeben und offen zu besprechen um daraus lernen zu können. „Die Wahrheit ist den Beschäftigten zuzumuten.“ brachte es Klaus Dörre in den Worten der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann auf den Punkt.

„Public Sociology?“ Zum Verhältnis von Wissenschaft und Gewerkschaften

Bereits auf dem Auftaktpodium hatte sich Klaus Dörre für eine „Public Sociology“ ausgesprochen und hierfür vier Eckpunkte benannt:

müssten Forschungsthemen von WissenschaftlerInnen und gewerkschaftlichen PraktikerInnen verstärkt gemeinsam entwickelt werden
seien gerade die PraktikerInnen wichtig, um Forschern den Zugang zu Beschäftigten in den Betrieben zu ermöglichen
müssten die WissenschaftlInnen eigenständig Wissen entwickeln und bündeln, um es dann aber wieder den PraktikerInnen zur Verfügung zu stellen.
müsse man dabei bereit seien, auch Konflikte mit den Forschungsergebnissen möglicherweise nicht glücklichen wissenschaftlichen und gewerkschaftlichen Institutionen in Kauf nehmen.

Auf dem Abschlusspodium nahmen Ingrid Artus, Universität Nürnberg/Erlangen, Jürgen Grote, WSI/ Hertie School of Governance, und Wolfgang Uellenberg-van Dawen, ver.di Politik und Planung, die Frage von Gewerkschaftsforschung als öffentliche Soziologie wieder auf.

Ingrid Artus unterstrich die transformatorische Aufgabe von Wissenschaft und stellte die Zwänge im Wissenschaftssystem dar. Innerhalb der Soziologie sei die Gewerkschaftsforschung ein linkes Refugium. Aber auch hier gebe es Grenzen, an die kritische Wissenschaft stoßen könne. Sie stellte zudem dar, dass der kritische Impetus, die Beschäftigung mit Gesellschaftskritik und der Kontakt zu sozialen Bewegungen notwendig seien, um kritische Wissenschaft zu betreiben. Dieser müsse allerdings oft privat erbracht werden, weil er sowohl im Wissenschaftsbetrieb als auch in der Gewerkschaftsforschung nicht ausreichend Raum bekomme.

Jürgen Grote lobte den Sammelband „Comeback der Gewerkschaften“ als herausragendes Werk. Er schlug allerdings vor, sich nicht nur auf Gewerkschaften zu konzentrieren, sondern auch das Verhältnis von sozialen Bewegungen und Gewerkschaften stärker in den Blick zu nehmen.

Wolfgang Uellenberg-van Dawen machte deutlich, dass die Erzählung vom krisenfreien Kapitalismus vorbei sei. Allerdings machten sich nationalistische Krisendeutungen breit. Denen müssten die Gewerkschaften entgegentreten. Er zitierte den Titel einer Broschüre der RLS „Schummelgriechen machen den Euro kaputt“, die mit populären nationalistischen Vorurteilen aufräumt. Notwendig sei, dass Gewerkschaften als Akteure der Transformation in Erscheinung träten und dies nicht sozialen Bewegungen überließen.

Schon am Vortag hatten Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung Ansprüche an Wissenschaft und Gewerkschaften formuliert.

Katharina Wesenick, Gewerkschaftssekretärin im Handel, erklärte: „Wir brauchen nicht nur Think-Tanks, sondern auch Act-Tanks!“. Die Gewerkschaft benötige mehr Räume und konkrete Weiterbildungsveranstaltungen, um über ihre Praxis zu reflektieren und neue Formen der Gewerkschaftsarbeit zu erlernen. Max Bitzer, Gewerkschaftssekretär im ver.di Fachbereich Verkehr Berlin-Brandenburg, kritisierte, dass die Gewerkschaften noch nicht ausreichend Unternehmensrecherche betrieben, um die Schwachstellen des Gegners in der Auseinandersetzung zu identifizieren.

Werner Fricke wandte ein, dass Wissenschaft nicht die Aufgabe haben dürfe, direkt für die Gewerkschaftspraxis zu produzieren. Vielmehr gehe es beim Austausch zwischen Wissenschaft und Gewerkschaft darum, Selbstreflexion auch in den Gewerkschaften zu verankern. Wichtig sei vor allem, betonte Fanny Zeise von der RLS, diese Reflexion breit anzulegen und den Kontakt zwischen Wissenschaft und Gewerkschaft nicht auf einige Hauptamtliche zu beschränken. Mit der Konferenz „Erneuerung durch Streik“ von RLS und ver.di Stuttgart im März 2013 sei es gelungen, mit Streikaktiven und WissenschaftlerInnen über Streikerfahrungen zu reflektieren und gemeinsam zu versuchen, sie zu verallgemeinern.

„Organizing ist keine Mitgliedergewinnung. Es ist sehr viel mehr.“

Ein weiteres Podium versuchte, die bisher in Deutschland mit organizing-Ansätzen gemachten Erfahrungen kritisch auszuwerten.

Ulrich Wohland, vom Beraterkreis OrKa (Organisierung und Kampagnen), schilderte, dass die Auseinandersetzung mit organizing in den deutschen Gewerkschaften bereits in den 90er Jahren begann. Der erste größere Versuch, mit diesen Methoden zu arbeiten, sei die Lidl-Kampagne gewesen. Organizing und gewerkschaftliche Kampagnenpolitik würden dabei viele Überschneidungen aufweisen, eine schematische Trennung der Ansätze sei nicht möglich. Organizing würde mehr bedeuten, als Mitglieder zu gewinnen: es erfordere auch eine andere gewerkschaftliche Arbeitsweise, auch wenn der Mitgliederaspekt eine wichtige Rolle spiele.

Sören Niemann-Findeisen, Ressortleiter Strategische Erschließungsprojekte beim IG Metall Vorstand, bestätigte, dass der Einstieg der IG Metall in Organizing im Jahr 2008 stark mit dem Willen zusammen hing, eine positive Mitgliederentwicklung zu erreichen. Die Praxis des Organizing in der IG Metall zeige dabei, dass in der Gesamtorganisation Veränderungen nötig seien. Wichtig sei es, auf die Selbstaktivität der Mitglieder zu setzen. Gleichzeitig müsse es neben organizing-Leuchtturmprojekten vor allem auch um eine Verankerung von organizing in der gewerkschaftlichen Alltagspraxis gehen.

Oliver Nachtwey stellte heraus, dass das in den USA entwickelte Organizing-Modell in Deutschland nicht eins zu eins zu übertragen sei, weil das deutsche Modell der industriellen Beziehungen anders und konservativer sei als in den USA. Bei der Organisierung weißer Flecken sei das kein Problem. In schon organisierten Bereichen könne es allerdings zu Konflikten mit den Betriebs- oder Personalräten kommen. Die IG Metall versuche das zu entschärfen, indem sie Betriebsräte frühzeitig in die Organizing-Strategie einbeziehe. Dass die Organizing Strategie zum Aufbau gewerkschaftlicher Strukturen geführt hat, unterlegte Nachtwey mit eindrücklichen Zahlen über die Wahl von Vertrauensleuten im Bereich der erneuerbaren Energien.

Daran anknüpfend hob Sören Niemann-Findeisen hervor, dass organizing und klassische Formen betrieblicher Mitbestimmung keine Gegensätze seien müssen, sondern im Gegenteil Organizing zu einer Belebung und Stärkung betrieblicher Mitbestimmung führen könne, wie es aktuell in der Windenergie geschehen sei.

Neben den Podiums-Diskussionen gab es außerdem je eine Arbeitsgruppe zu „Betrieblichen Handlungssstrategien in der Krise“ und zu „Neuen Auseinandersetzungen im Dienstleistungssektor“.

Ausblick

Die Veranstalter werteten die Tagung als Erfolg. Nicht nur war die Teilnehmerzahl erfreulich hoch, auch die Diskussionen waren sehr lebhaft und verdeutlichten, dass es bereits einige auszuwertende Erfolge bei den Bemühungen um gewerkschaftliche Erneuerung gibt. Wieder einmal wurde deutlich, wie anregend der Austausch zwischen Wissenschaft und Gewerkschaft für beide Seiten sein kann. Seitens der Rosa-Luxemburg-Stiftung gibt es das große Interesse, diesen Austausch noch durch Formate zu bereichern, in denen auch die Beschäftigten und die betrieblichen Streikaktiven selbst stärker zu Wort kommen. Ein solches Format soll mit der zweiten „Erneuerung durch Streik“-Konferenz vom 2.-4. Oktober 2014 in Hannover erneut angeboten werden.

http://www.rosalux.de/documentation/49351/gewerkschaft-macht-demokratie.html

„Durch Aktivierung der Mitglieder Macht entfalten“. Bericht über die Tagung Gewerkschaft.Macht.Demokratie am 6./7. Dezember in Berlin. Von Florian Wilde und Fanny Zeise. Veröffentlicht auf rosalux.de

 

Einen Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*