Digitalisierung und Gewerkschaften

Bericht vom gemeinsamen Treffen der Gesprächskreise «Gewerkschaften» und «Klassen und soziale Ungleichheit» der Rosa-Luxemburg-Stiftung am 20.11.15 in Hannover.

Von Horst Kahrs und Florian Wilde.

33 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen am 20. November in den Räumen von ver.di Hannover zu einem gemeinsamen Treffen der Gesprächskreise «Gewerkschaften» und «Klassen und soziale Ungleichheit» der Rosa-Luxemburg-Stiftung zusammen. Thema dieses ersten gemeinsamen Treffen der GKs war die «der Arbeit / Arbeit 4.0». Unter den TeilnehmerInnen der Beratung waren mit Jutta Krellmann und Herbert Behrens auch zwei Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke.

Eingangs stellte Ingo Matuschek Ergebnisse seiner Literaturstudie «Industrie 4.0, Arbeit 4.0 – Gesellschaft 4.0?» vor. Die Studie (im Erscheinen) wirft einen kritischen Blick auf die in den letzten Jahren entstandenen Studien zu den Auswirkungen der «Digitalisierung der Arbeit» auf Berufsqualifikationen, Arbeitsplätze und Beschäftigung. Gemeinsamer Bezugspunkt aller Studien sind neue technologische Möglichkeiten der Vernetzung und Kommunikation von Maschinen, Material und Werkzeugen durch exponentiell gestiegene Speicher- und Rechnerkapazitäten und verbesserte Sensortechniken, gemeinhin auch mit dem Begriff «Internet der Dinge» gefasst. Unter dem Label «Industrie 4.0» formiert sich in Deutschland ein korporatistisches Bündnis zur politischen, wirtschaftlichen und technologischen Umsetzung. Die gängigen Prognosen zu den Auswirkungen auf die Arbeit gehen in der Regel davon aus, in welchem Ausmaß Berufsqualifikationen von einer neuen Automatisierungswelle betroffen sein könnten und kommen dementsprechend zu hohen Prozentsätze. Ob damit automatisch ein Abbau von Arbeitsplätzen verbunden wäre, wird seltener untersucht, obwohl die Erfahrungen mit der «menschenleeren Fabrik» (1980er Jahre) und dem «papierlosen Büro» (1990er Jahre) zeigen, dass der Entwertung bestehender Berufsqualifikationen durchaus eine Nachfrage nach neuen Qualifikationen entsprechen und der Abbau von «alten» Arbeitsplätzen kompensiert werden kann. So gibt es denn auch Studien, die den Abbau gering veranschlagen und z.T. sogar einen Aufwuchs voraussagen. Ein wichtiger Faktor wird dabei die betriebliche Gestaltung und die gewerkschaftliche Mitbestimmung sein. Denn, so Matuschek resümierend: «Digitale Technologien sind nicht wertfrei … Der Prozess ihrer Einführung und Ausgestaltung ist breites Feld der Auseinandersetzung von unterschiedlichen Interessen, die sich u.a. an Themen wie Leistungskontrolle Arbeitszeit und –ort entzünden.»

Nach Diskussion und Mittagspause wurden gewerkschaftliche Perspektiven auf die Umbrüche der Arbeitswelt dargestellt.

Klaus Pickshaus (ehem. Bereichsleiter beim Vorstand der IG Metall, seit August 2014 im Ruhestand und als freier Publizist tätig) stellte seine Thesen zu den gewerkschaftlichen Herausforderungen durch Industrie 4.0 vor.

Während der von der Bundesregierung geförderte «Arbeitskreis Industrie 4.0» in seinem Abschlussbericht das Bild einer harmonischen Win-Win-Situation für alle Beteiligten zeichne, vertrat Pickshaus die These, dass die gegenwärtige Debatte und Politik unter dem Label «Industrie 4.» «durch Standortpolitik und Wettbewerbskorporatismus geprägt» sei. Mittels professionellem Agenda-Buildings sei ein interessengeleiteter Hype um das Thema entfacht worden. Die gewerkschaftliche Positionsbildung sei dagegen «noch im Fluss und sollte nach klaren Kriterien in einer Strategiedebatte erfolgen». Dabei machte Pickshaus drei unterschiedliche Strategievarianten aus: eine technikzentrierte, eine marktzentrierte und – von ihm favorisiert – eine arbeitskraftzentrierte Digitalisierung. Bei ihr  stünden die «Arbeitskraft- und Subjektinteressen der Beschäftigten sowie Humanisierungsstandards im Zentrum: Wettbewerbsfähigkeit wird als  Überlebensbedingung auf kapitalistischen Märkten anerkannt, jedoch nicht zum Strategieziel erhoben.» In jedem Fall werde Industrie 4.0 «Gegenstand scharfer politischer Auseinandersetzungen und von Klassenkonflikten» sein. In denen gälte es, eine Reformagenda 4.0 stark zu machen, die sich um die strategischen Anker soziale Sicherheit, Gute Arbeit und Zeitsouveränität drehen müsse, ohne aber die noch aus der Industrie 3.0 stammenden Probleme zu vernachlässigen.

Martin Beckmann (Abteilung Politik und Planung beim ver.di Bundesvorstand) hob hervor, dass die Digitalisierung der Arbeit keineswegs nur die Industrie betreffe, sondern bereits jetzt und künftig noch zunehmend den Dienstleistungsbereich erfasse, weswegen der Begriff «Industrie 4.0» verengend sei.

Beckmann stellte die Forderungen vor, die dazu in ver.di erhoben werden. Vor allem müsse es darum gehen, die Produktivitätsgewinne, die sich aus der Digitalisierung ergeben, umzuverteilen und für die gezielte Förderung von Guter Arbeit und von Beschäftigung zu nutzen. Weiterhin müssten die Möglichkeiten von Weiterbildung und einer Rückkehr von Teil- zu Vollzeit ausgebaut werden. Auch das Thema Arbeitszeitverkürzung gehöre wieder auf die Agenda. Beckmann plädierte abschließend dafür, dass die Gewerkschaften die vorhandenen Möglichkeiten zur Mitgestaltung der digitalisierten Arbeitswelt erstmal nutzen sollten.

Die Mitglieder des GK Gewerkschaften werteten im Anschluss an das gemeinsame Treffen noch eine Stunde lang die letzten Gewerkschaftstage aus. Hierzu gab es Inputs von Karen Balke (Kontaktstelle soziale Bewegungen, Bundestagsfraktion DIE LINKE) zum ver.di-Bundeskongress und Stephan Krull (ehem. Vorsitzender Rosa-Luxemburg-Stiftung Niedersachsen und Betriebsrat bei VW Wolfsburg) zum Gewerkschaftstag der IG Metall. Mit besonderer Sorge wurde dabei die Satzungsänderung der IG Metall, nach der sie künftig nur noch Beschlüsse des DGB als bindend akzeptieren will, die eigenen Beschlusslagen nicht zuwiderlaufen, bewertet.

Veröffentlicht auf www.rosalux.de

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