Eskalation in Ostkurdistan

(junge Welt) Guerilla auf dem Vormarsch

/ Im kurdischen Teil des Iran wachsen Spannungen zwischen Befreiungsbewegung und Regierungstruppen /

Von Florian Wilde / 

Bei einem Angriff der Iranischen Revolutionsgarden sind laut iranischen Quellen 23 »Terroristen« nahe der irakischen Grenze getötet worden. Details wurden nicht genannt. Am Tag zuvor wurde berichtet, ein Kämpfer der Partei für ein Freies Leben in Kurdistan (PJAK) sei in der iranischen Provinz Westaserbaidschan erschossen, ein anderer gefangengenommen worden. Ebenfalls am Samstag wurden mehrere mutmaßliche PJAK-Mitglieder in der Provinz Kermanschah festgenommen, die für den gescheiterten Anschlag auf das Auto eines Abgeordneten am 10. Juli verantwortlich gemacht werden.

Seit Monaten wachsen die Spannungen in den mehrheitlich kurdisch besiedelten nordwestlichen Gebieten des Iran. Einheiten der Revolutionsgarden wurden in die Region verlegt, um gegen die kurdischen Guerilla vorzugehen. Gefechte hatte es vor allem mit Kämpfern der Demokratische Partei Kurdistan-Iran (KDP-I) gegeben. Sie ist die älteste Befreiungsorganisation im iranischen Teil Kurdistans.

Die 1945 gegründete KDP-I kämpfte zuerst gegen den Schah, später gegen die Mullahs. 1997 verkündete die Partei eine einseitige Feuerpause, seitdem wurden bewaffnete Aktivitäten weitgehend eingestellt. Gleichzeitig unterhielt sie weiterhin Guerillalager im Grenzgebiet zur von der gleichnamigen Schwesterpartei regierten Autonomen Region Kurdistan im Nord­irak.

Die durch den Rückzug der KDP-I entstandene Lücke wurde zumindest teilweise von der der PKK nahestehenden PJAK gefüllt. Diese wurde 2004 gegründet und orientiert sich an den Theorien des PKK-Gründers Abdullah Öcalan. Mit militanten Aktionen konnte sie ihren Einfluss in den vergangenen Jahren ausbauen. Laut kurdischen Quellen verfügt sie über etwa 3.000 Kämpfer, die Hälfte von ihnen sind Frauen. Ihre Camps befinden sich in dem von der PKK kontrollierten Kandilgebirge im Nordirak. Vor zwei Jahren rief die PJAK das Regime in Teheran zu einem Dialog auf. Außerdem kündigte die Partei den Aufbau einer zivilen Organisation an. Zur gleichen Zeit begannen PAJK-Guerillas, sich an der Verteidigung der nordsyrischen Stadt Kobani gegen die Milizen des »Islamischen Staats« (IS) und am Kampf um die irakische Region Sindschar zu beteiligen.

Während die PJAK teilweise im Kampf gegen den IS eingebunden war, versuchte die KDP-I die Situation zu nutzen, um verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Im vergangenen Jahr tauchten Videos auf, die Kader der KDP-I in kurdisch-iranischen Bergdörfern zeigten. Das iranische Regime verstärkte seine Präsenz in der Region, woraufhin die KPD-I ihren Funktionären bewaffnete Peschmerga zur Seite stellte. Zusammenstöße, die Dutzende Menschen auf beiden Seiten das Leben kosteten, folgten. Außerdem beschoss die Armee wiederholt Guerillastellungen jenseits der irakischen Grenze.

Die KPD-I betont indes immer wieder, bei ihren Aktivitäten handele es sich nur um Selbstverteidigung und nicht um die Neuaufnahme des bewaffneten Kampfes. Militärisch dürfte dieser momentan nicht zu gewinnen sein. Nach fast 20 Jahren Waffenruhe verfügt die KDP-I über wenig Kampf­erfahrung, sie gilt als überaltert.

Die momentanen Aktivitäten dürfte auch darauf abzielen, die Zahl der Unterstützer unter den Jugendlichen in den Städten zu vergrößern. So rief die KDP-I für den 13. Juli, den 26. Jahrestag der Ermordung ihres Generalsekretärs Abdul Rahman Ghassemlou durch den iranischen Geheimdienst in Wien, zu Aktionen des zivilen Ungehorsams auf. Ihr heutiger Generalsekretär, Mustafa Hidschri, appellierte aus diesem Anlass an die Jugend, den Kampf in den Städten mit dem in den Bergen zu verbinden.

Möglicherweise hat die Eskalation des Konfliktes zwischen KDP-I und Teheran auch die PJAK bewogen, ihre Aktivitäten im Iran zu intensivieren. In den vergangenen Wochen häuften sich Berichte über Zusammenstöße zwischen der Guerilla und den Revolutionsgarden.

Veröffentlicht in: junge Welt, 26.07.2016

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